Mythos „Netzgeneration“ – zentrale Kritikpunkte am Konzept
Um das zentrale Ergebnis vorweg zu nehmen: Die ‚Netzgeneration‘ kann einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Sie erweist sich bei genauerer Betrachtung als unzulässige, stark überzeichnete Generalisierung der Eigenschaften einzelner Subgruppen heutiger Kinder und Jugendlicher (Bennett et al., 2007). Die Kritik am Konzept der „Netzgeneration“ liegt dabei auf verschiedenen Ebenen. Im deutschsprachigen Raum hat sich Rolf Schulmeister (2009) mit einer mehrfach aktualisierten Internet-Publikation detailliert der Kritik gewidmet. Im Wesentlichen werden folgende Punkte kritisiert (für eine detailliertere Darstellung der Kritikpunkte Schulmeister, 2009):
Empirische Datengrundlage fehlt: Betrachtet man die empirische Basis der Kernaussagen des Konzepts der „Netzgeneration“, wird schnell deutlich, dass die Aussagen nicht gemäß wissenschaftlicher Standards empirisch abgesichert sind. Die Beschreibungen basieren auf Einzelbeobachtungen und anekdotischer Evidenz, nutzen also grundsätzlich nur sehr kleine Fallzahlen und beziehen sich überwiegend auf die US-amerikanische weiße Mittelschicht. Die Ergebnisse können daher in keiner Weise als repräsentativ für eine ganze Alterskohorte gesehen werden. Die Kernaussagen zur „Netzgeneration“ sind daher vielmehr unzulässige Verallgemeinerungen.
Besonders deutlich wird diese Kritik durch Kirschner & De Bruyckere (2017): in The myths of the digital native and the multitasker zeigen sie erneut auf, dass es keine verlässlichen empirischen Belege für die Annahme gibt, junge Menschen hätten aufgrund ihres Aufwachsens mit digitalen Medien automatisch höhere digitale Kompetenzen. Im Gegenteil: Viele Lernende benötigen gezielte Anleitung im Umgang mit digitalen Werkzeugen, besonders im Bildungskontext.
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Das Konzept einer Netzgeneration ist veraltet und beruht nicht auf tragfähiger empirischer Forschung, sondern auf vereinfachenden Annahmen, Einzelbeobachtungen und Vorurteilen - oftmals aus einem westlich-urbanen geprägten Mittelklassekontext.
Jugendliches Mediennutzungsverhalten ist differenzierter: Betrachtet man den Mediengebrauch und die Medienkompetenz differenzierter, ergibt sich ein anderes Bild: Die vermeintlich einheitliche „Netzgeneration“ zerfällt in vielfältige Subgruppen, die ganz unterschiedliche Nutzungsgewohnheiten, Kenntnisse und Kompetenzen haben. Außerdem hebt die weite allgemeine Verfügbarkeit digitaler Technologien nicht zwangsläufig soziale Unterschiede auf (siehe zum Beispiel BMBF, 2010; Livingstone & Haddon, 2009; Palfrey & Gasser, 2008). Aktuelle empirische Studien zum Medien(nutzungs)verhalten zeigen komplexere Aufteilungen und belegen Unterschiede in Zugang und Nutzungsart in Abhängigkeit von soziokulturellen Parametern (vergleiche zum Beispiel EU Kids Online, 2009; JIM-Studie, 2009; ARD/ZDF-Onlinestudie, 2009; Treumann et al., 2007). Und auch aktuellere Studien (JIM-Studie Jugend, Information, Medien) zeigen eindrücklich, wie stark sich Mediennutzung und Medienkompetenz nach Bildungshintergrund, Geschlecht und Alter unterscheiden. Die in repräsentativen empirischen Studien belegte Diversität des Medienhandelns, der vorhandenen Kompetenzniveaus und der Nutzungsarten wird in Abschnitt 3 skizziert.#
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Die Mediennutzung junger Menschen ist alles andere als einheitlich. Sie ist differenzierbar, stark kontextabhängig und durch soziale Ungleichheiten geprägt, was dem Bild einer universell übertragbaren Netzgeneration widerspricht.
Argumentation ist von technologischem Determinismus durchzogen: Die Verfechterinnen und Verfechter der „Netzgeneration“, insbesondere Prensky (2001), argumentieren, dass die behaupteten Formen des Medienhandelns und der Eigenschaften der Kinder und Jugendlichen der „Netzgeneration“ unmittelbar aus dem Vorhandensein der digitalen Technologien und dem selbstverständlichen Umgang damit resultieren. Hier scheint eine Argumentationsfigur des technologischen Determinismus auf: Die Technologien scheinen quasi unabhängig von den handelnden Subjekten eine Kraft und eigenmächtige Wirkung auf die Mitglieder der sogenannten „Netzgeneration“ zu entfalten. Dass Mediennutzung immer soziales Handeln ist, das von verschiedenen soziokulturellen Faktoren beeinflusst wird und in einem komplexen Zusammenspiel von Subjekt und Technologien entsteht, wird ignoriert. Damit werden alle Erkenntnisse zu Sozialisationsprozessen einerseits und zur sozialen Konstruiertheit von Technologien andererseits nicht berücksichtigt. Technologien scheinen menschliches Handeln eindimensional zu bestimmen. Dieser Determinismus steht im krassen Widerspruch zur Komplexität menschlichen Handelns allgemein und der Medienaneignung im Speziellen (auch Buckingham, 2006).
Selwyn (2016) stellt in Education and Technology - Key Issues and Debates dieser Sichtweise eine differenziertes Konzept gegenüber: Er betont, dass Technologie stets sozial konstruiert wird, und dass der Umgang mit digitalen Medien vom sozialen Umfeld, kulturen Normen und sozialer Gesellschaftschicht beeinflusst wird. Mediennutzung sei nie neutral, deterministisch oder automatisch, sondern immer abhängig von gesellschaftlichen Kontexten und Konzepten. Ähnlich argumentieren Livingstone & Sefton-Green (2016) in The Class: Living and Learning in the Digital Age. Die ethnografische Langzeitstudie an einer Londoner Schulklasse zeigt, dass Mediennutzung, wie bereits gezeigt, stark von schulischen Rahmenbedingungen und familiärer Förderung beeinflusst wird.
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Die Vorstellung, dass Technologie automatisch Kompetenz in der Mediennutzung impliziert, ist zu kurz gegriffen. Medienhandeln ist geprägt von komplexen sozialen Kontexten und kann nicht unabhängig davon verstanden werden. Statt einfacher Zuschreibung bedarf es einer differenzierten Betrachtung.
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